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Das Leben steht still – und du musst trotzdem weiter

Ich wusste, irgendetwas stimmte nicht. Die Schmerzen, die ich seit Monaten im Knie, den Händen, der Wirbelsäule, der Hüfte spürte, hatte meinen ganzen Körper ergriffen. Ich lag einfach nur da. Die Decke zu schwer zum Anheben, meine Socken – die Endgegner. Natürlich war ich vorher beim Arzt. Der meinte es sei Gicht. Diese Diagnose ließ selbst die Sprechstundenhilfe zweifeln. Aber wenn der Arzt es sagt, musste es wohl stimmen. Ich wollte einfach an eine Diagnose glauben. Es war mir damals unangenehm, als ich in Tränen ausbrach, weil mein Arzt meinte, dass meine Blutwerte normal aussähen. Ich wusste, etwas war falsch und niemand sah es. Ich fühlte mich wie ein Hypochonder, als ich jede Woche beim Arzt saß und quasi um eine Diagnose bettelte. Als er dann endlich Gicht sagte, war ich einfach nur froh. Die Ursache der Schmerzen hatte einen Namen. Mehr wollte ich nicht.

Und trotz der verschriebenen Medikamente lag ich nun da. Bewegungsunfähig. Meine damals 4-jährige Tochter zog mir die Socken an. Meine 8-Jähriger Sohn las mir aus seinen Büchern zum Einschlafen vor. Eigentlich hätte es andersherum sein müssen. Ich hätte meiner Tochter die Socken anziehen müssen, ich hätte meinem Sohn die Gute-Nacht-Geschichte vorlesen sollen. Aber die Schmerzen hatten mein Leben ausgebremst – und meine Kinder lernten, dass ihre Mutter nicht perfekt war.

Im Krankenhaus hatte ich dann das Glück, dass eine Rheumatologin Bereitschaft hatte und sofort erkannte, was los war. Eigentlich wollte sie mich direkt ins Krankenhaus einweisen, aber ich dachte an die Kinder und leider auch an die Arbeit. So kam es, dass ich mich mit Cortison und Schmerzmitteln vollpumpte und nach Hause ging und direkt drei Tage später wieder arbeitete.

Mein Hausarzt bedauerte meine Diagnose und wünschte mir viel Glück, einen Rheumatologen zu finden. Denn er suchte gerade einen für einen Privatpatienten und das gestaltete sich selbst für diesen schwer. Da war aus offensichtlichen Gründen mein letztes Gespräch mit diesem Arzt. 

Dank guter Kontakte hatte ich bereits zwei Monate später meinen ersten Termin bei einer Rheumatologin. Manchmal denke ich daran zurück und frage mich, ob mein damaliger Hausarzt genauso schnell jemanden für diesen Privatpatienten gefunden hatte.

Diese Situation war schlimm. Klar. Aber was ich am meisten bereue, ist, dass ich trotz der Diagnose so schnell wieder arbeiten ging. Und meine Krankheit verschwieg. Selbst als ich mich die Monate vorher auf Toilette schleppte und vor Schmerzen kaum stehen konnte, ließ ich mich nicht krankschreiben. Meine damalige Chefin weiß bis heute nichts von dieser Diagnose. Schauspielerisch war es wohl eine Topleistung, die allerdings nur mir geschadet hat. Ich war nicht so wichtig, dass ich nicht krank sein durfte. Ehrlicherweise war ich so ein kleines Licht, dass es vermutlich niemandem aufgefallen wäre. Aber ich war jung und durch und durch mit Pflichtgefühl erfüllt. Ok, um ehrlich zu sein, wüsste ich auch heute nicht, ob ich mich wirklich in der gleichen Situation krankschreiben lassen würden. Denn ich habe jetzt fast 10 Jahre Rheuma und war noch keinen einzigen Tag deswegen krankgeschrieben. Fakt ist, ich weiß, dass eine Krankschreibung völlig legitim ist, ich habe es nur noch verinnerlicht.

Fun Fact zum Ende: Vor unsere Hochzeit waren mein Mann und ich 6 Jahre zusammen. Sechs Jahre ohne Schmerzen. Dann hielt er um meine Hand an und so langsam schlichen sie die Schmerzen in meinen Alltag. Und pünktlich zum Ja-Wort ging es richtig los. Es war, als hätte mein Körper nur auf den richtigen Pfleger gewartet. Und nachdem er ihn sicher hatte, richtig losgelegt. Naja, den richtigen Pfleger hatte ich ja jetzt an meiner Seite …

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