Letztens im Auto rechnete meine Tochter mir vor, wie lang sie und ihre Geschwister noch zu Hause wohnen werden: der Größte zwei Jahre, sie noch vier Jahre und der Jüngste hat noch ungefähr 16 Jahre zu Hause.
Da fiel mir auf, dass die Zeit, in der unsere Kinder zu Hause wohnen, eigentlich erschreckend kurz ist. Mir wurde klar, dass ich inzwischen länger „allein“ lebe, als ich je bei meinen Eltern gewohnt habe.
Hinten saßen sie nebeneinander. Der Große mit Kopfhörern, halb schon woanders. Die Mittlere irgendwo dazwischen, noch Kind, schon eigenständig. Und der Kleine im Sitz. Drei Stadien von „Bleib noch“ und „Lass mich los“.
Vielleicht ist es das, was Khalil Gibran meinte, als er schrieb: „Solange deine Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie größer werden, schenk‘ ihnen Flügel.“
Vielleicht ist genau das die Aufgabe von Eltern. Den Kindern die Sicherheit geben, damit sie später hoch und weit fliegen können? Meinen Kindern wachsen auch Flügel. Nicht heute. Vielleicht nicht morgen.
Aber irgendwann werden sie abheben.
Es war kein trauriger Moment. Eher einer, der leise wurde.
Wie wenn man merkt, dass man gerade mitten in etwas ist, das man später vermissen wird.
Man verbringt so viele Tage mit Organisieren, Erinnern, Ermahnen. Mit Wäsche, Brotdosen, Diskussionen über Bildschirmzeit. Und irgendwo dazwischen passiert das eigentliche Wunder: Sie werden größer. Leiser. Selbstständiger. Entfernen sich in Millimeterschritten.
Ich weiß, dass das der Sinn der Sache ist.
Kinder sollen Flügel bekommen.
Aber niemand spricht darüber, wie sich das anfühlt, wenn man merkt, dass sie anfangen zu üben – und die Zeit nicht stehen bleibt.

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