Wir kennen uns noch aus der Schulzeit – so unterschiedlich wie unsere damaligen Lieblingsfächer. Wir haben gelacht, getanzt und das Leben geliebt. Und auch als bei einem von uns eine Kleinhirnataxie diagnostiziert wurde, ging das Leben für uns weiter. Wir reisten gemeinsam, trafen uns so oft wir konnten und liebten es, Pläne zu schmieden. Wir lebten längst nicht mehr in derselben Stadt, doch unsere Herzen waren verbunden.
Manche von uns machten gemeinsam Sport. Nicht alle – denn wer quält sich schon gern? 😉 Dennoch liefen drei von uns offizielle Halnmarathons. Eine Freundin passte auf die Kinder auf, und unserem Freund stand eigentlich der Rollstuhl im Weg.
Bis zu jenem Abend im Ratskeller in Leipzig, als wir zusammensaßen und uns fragten: Warum eigentlich nicht? Die Strecke in Leipzig ist größtenteils eben, und einer Teilnahme mit Rollstuhl sollte doch nichts im Wege stehen. Der Veranstalter gab sein Okay – und plötzlich standen wir am Start: zwei Trainierte, eine Halbtrainierte (eine sehr wohlwollende Beschreibung für mich) und unser Freund im Rollstuhl. Schnell kauften wir in der Leipziger Innenstadt noch einen Hula-Hoop-Reifen und Seile – und schon konnte der wilde Ritt am nächsten Tag beginnen.
Und wild wurde er tatsächlich. Wir hatten unendlich viel Spaß. Es ging nicht darum, eine Bestzeit zu laufen, sondern zu zeigen, dass nicht alles unmöglich ist. Unser Freund im Rollstuhl wurde gefeiert, wir sangen mit anderen Teilnehmern Lieder, und er drehte bei Kilometer 19 Kreise um mich, weil ich am liebsten den Berg hinaufgekrochen wäre.
Im Ziel wartete sogar die Presse und wollte ihn interviewen.
Er strahlte. Sofort plante er weitere Läufe – sogar mit Sponsoren. Er wollte noch einmal einen Segeltörn machen, so wie wir es zuvor gemeinsam erlebt hatten. (Auch das ist eine eigene Geschichte: wie wir ihn vom Rollstuhl auf ein Segelboot hievten.)
Wenn wir etwas Schönes planten, dachten wir automatisch mit: Wie kann er dabei sein? Stand-up-Paddling. Wandern im Elbsandsteingebirge. Und so vieles mehr.
Doch sein Gesundheitszustand ließ nur noch einen weiteren Lauf zu – und bei diesem war die Hälfte von uns an Corona erkrankt. Wir dachten, wir hätten noch so viel Zeit für all die anderen Läufe und Abenteuer.
Aber wie das Leben spielt – er hatte diese Zeit nicht mehr. Sein Todestag jährte sich in diesem Februar bereits zum zweiten Mal.
Bei der Trauerfeier sagte jemand, nun würde auch unsere Freundschaft auseinandergehen, denn er sei unser Bindeglied gewesen. Und dieser jemand hatte recht. Das Leben kam uns immer wieder dazwischen: Kinder, Krankheit, Beruf, Alltag. Damals hatte er Priorität. Wenn wir uns trafen, dann um Zeit mit ihm zu verbringen. Alles andere war nachrangig.
Heute sind wir alle weitergezogen. Und ich merke, wie sehr ich diese Zeit vermisse. Damals erschien sie selbstverständlich. Auch er.
Doch erst die Zeit hat mir gezeigt, was ich verloren habe: Freunde, mit denen mich eine so tiefe Verbundenheit getragen hat.
Wir denken immer, wir hätten noch Zeit – bis wir sie nicht mehr haben.

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