Neulich saß ich im Büro und hörte wieder denselben Satz:
„Kinder sind echt ständig krank.“
Dann folgte die übliche Runde zustimmender Kommentare. Schlafmangel. Kita-Keime. Stress. Wie anstrengend das alles sei.
Ich saß daneben und habe innerlich etwas die Augen verdreht.
Nicht, weil ich das nicht kenne. Sondern weil ich es eher sehr gut kenne. Dennoch halte ich mich aus diesen Gesprächen für gewöhnlich heraus. Ich habe eine Meinung dazu. Aber keine, die die anderen in diesem Augenblick hören möchten.
Ich habe drei Kinder. Mein erstes habe ich mit 20 bekommen. Den ersten habe ich die ersten anderthalb Jahre alleinerziehend großgezogen. Trotzdem habe ich nur selten wegen „Kind krank“ gefehlt und noch seltener darüber gesprochen, wie anstrengend mein Alltag ist: Dass die Nacht extrem kurz war oder dass ich vor der Arbeit bereits tausend andere Dinge erledigt habe.
Viele meiner Kollegen sind Anfang 30 und haben gerade ihr erstes Kind bekommen. Für sie ist alles neu. Schlaflose Nächte. Das erste Mal Fieber. Die berüchtigten Kita-Keime. Der komplette Umbau des eigenen Lebens.
Das ist verständlich. Ein erstes Kind verändert vieles.
Aber manchmal fühlt es sich an, als würde mir jemand erklären, wie anstrengend Kinder sind – ohne zu merken, dass ich diese Phase schon lange hinter mir habe.
Mit mehr Kindern.
Und unter anderen Umständen.
Ich sage das nicht, um zu vergleichen. Elternschaft ist kein Wettbewerb.
Aber es zeigt etwas Interessantes: Es fühlt sich an, als ob Erfahrung nicht immer gesehen wird. Vor allem dann nicht, wenn man nicht ständig darüber spricht.
Ich habe früh gelernt, Dinge einfach zu organisieren und zu lösen. Kinder krank? Dann muss eben eine Lösung her. Termine, Arbeit, Alltag – alles läuft weiter.
Es war und ist nicht leicht, aber es ist eben Teil des Lebens.
Wer dagegen gerade zum ersten Mal in diese Situation kommt, erlebt alles viel intensiver. Man spricht darüber, sucht Austausch, vergleicht sich.
Das ist auch völlig normal. Und wir sind nicht nur Kollegen, wir sind auch Freundinnen. Da erzählt man sich auch intensiver die Probleme aus dem Alltag.
Manchmal kommt mir dieser Moment im Büro auch wie eine kleine Zwischenpause vor. Während andere gerade mitten in dieser intensiven ersten Phase mit kleinen Kindern stecken, sitze ich daneben und merke: Ein großer Teil davon liegt schon hinter mir.
Dass die Zeit weitergegangen ist.
Unterschiedliche Lebensphasen am selben Tisch.
Eigentlich sitzen wir im Büro doch oft mit Menschen zusammen, die zwar ähnlich alt sind, aber völlig unterschiedliche Lebensphasen hinter sich haben.
Während manche gerade ihr erstes Kind bekommen, haben andere ihre Kinder schon ein gutes Stück begleitet.
Der Unterschied liegt dann nicht im Alter – sondern in der Erfahrung.
Ein bisschen mehr Blick für die Geschichten der anderen haben.
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis: Wir wissen oft erstaunlich wenig über die Wege der Menschen neben uns.
Die Kollegin, die ruhig zuhört, hat vielleicht schon drei Kinder großgezogen.
Der Kollege, der wenig über Familie spricht, hat vielleicht mehr organisiert, als man denkt.
Manchmal lohnt es sich also, kurz innezuhalten, den Blick – weg von sich selbst – hinter die Fassade und auf die Erfahrungen der anderen zu richten.

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