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Der Moment, in dem ich mich selbst ertappt habe

Upset woman looking away with a mirror reflecting a smiling couple hugging in a garden

Letztens fuhren mein Mann und ich einfach so durch die Gegend. Zeit nur für uns. Die Kinder waren versorgt, und wir genossen die aufblühende Frühlingslandschaft. Es wurde langsam grün, Vögel flogen umher und Jogger trotzten der Kälte, die noch in der Luft lag.

Und genau diese Joggerin wurde zum Auslöser.

Mein Mann schaute ihr hinterher. Nicht subtil, sondern ziemlich offensichtlich. Ich bemerkte es aus dem Augenwinkel – und plötzlich war sie da: diese Eifersucht. Unerwartet und irgendwie unangenehm. Dabei bin ich eigentlich kein eifersüchtiger Mensch. Es war auch nie ein Thema bei uns. Vielleicht schaute er gerade deshalb so offen.

Und trotzdem spürte ich dieses Ziehen in der Brust. Warum eigentlich? Ich sehe längst nicht mehr so sportlich aus, schleiche mich unaufhaltsam auf die 40 zu und unsere Ehe fühlt sich manchmal schon wie eine kleine Ewigkeit an. Vielleicht ist es genau das. Diese leise Angst vor dem Älterwerden. Denn nichts finde ich so schlimm wie graue Haare. Nicht die Falten, nicht die Zahlen – nein: diese grauen Haare, die sich langsam auf meinem Kopf breitmachen.

Aber zurück ins Auto.

Ich innerlich aufgebracht, er völlig entspannt. Als ich ihn darauf ansprach, hielt er mir nur einen Spiegel vor. Wäre dort ein Mann vorbeigejoggt, hätte ich vermutlich auch geschaut. Und wenn er dann noch aussah wie ein Bodyguard mit Knopf im Ohr (ja, ich habe da eine kleine Schwäche) – ich wäre wahrscheinlich direkt ausgestiegen.

Am Abend erzählte ich Freunden davon. Und wie das so ist: Die Geschichte wurde immer dramatischer. Plötzlich schaute sie zurück. Er fuhr langsamer. Beinahe hätten wir einen Unfall gebaut. Irgendwann war ich an dem Punkt angekommen, an dem er ihr per Handzeichen seine Telefonnummer übermittelte. Meiner Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.

Er stand daneben, lachte und schüttelte nur den Kopf.

Und genau da wurde mir etwas klar: Manchmal reicht ein Spiegel, um zu erkennen, dass wir anderen Dinge vorwerfen, die wir selbst genauso tun würden.

Vielleicht ging es in diesem Moment gar nicht wirklich um die Joggerin. Vielleicht ging es um mich. Um dieses leise Gefühl, dass sich etwas verändert. Dass Zeit vergeht. Dass ich nicht mehr die bin, die ich mal war – und vielleicht auch nie wieder sein werde.

Aber ist das wirklich etwas Schlechtes?

Warum also eifersüchtig sein auf einen Blick, den ich selbst genauso geworfen hätte? Warum mich vergleichen mit jemandem, der einfach nur in diesem Moment an uns vorbeigelaufen ist?

Am Ende war es kein Blick meines Mannes, der mich verunsichert hat. Es war mein eigener.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung: nicht andere ständig zu beobachten und zu bewerten – sondern sich selbst ein bisschen gnädiger zu begegnen.

Mit grauen Haaren. Mit kleinen Unsicherheiten. Und mit der Erkenntnis, dass wir alle manchmal ein bisschen absurd sind.

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